Friedrich und sein Gesichtsschmerz

Friedrich war ein kleiner, stämmiger Mann. Auffallend war sein klares Gesicht eines Menschen vom Lande mit einer wettergefärbten Haut. Er begrüßte mich mit einer warmen, rauen Hand. Er war wegen „atypischer Gesichtsschmerzen" zu uns in die Schmerzambulanz geschickt worden. Die Diagnose bedeutet, dass keiner so genau weiß, woher die Schmerzen kommen. Eine typische Diagnose, mit der Patienten zu Psychologen geschickt werden. Dahinter steckt die Vermutung, dass es etwas „Psychisches“ sein muss, wenn “Organisches“ nicht zu entdecken ist.

Nach den üblichen Fragen zu seinen Beschwerden, wollte ich mehr über Friedrichs Leben erfahren, um den Schmerz möglicherweise in einen sinnhaften Lebenszusammenhang stellen zu können. Er erzählte mir, dass er auf einem Gutshof aufgewachsen sei, auf dem seine Familie seit Generationen als Knechte und Mägde gelebt hatten: „Wir gehörten dazu wie das Vieh, nur wenige sind vom Hof weggegangen

Da er eine besondere Vorliebe für die Schweinezucht entwickelt hätte, hätte er sich auf dieses Gebiet spezialisieren dürfen und sei fast 40 Jahre für die Schweine des Gutes verantwortlich gewesen. „Meine Tiere waren mein Leben. Ich war mit Leib und Seele Schweinemeister“. Mit dem Tod des alten Gutsherrn endete das bisherige Arbeitsleben abrupt. Der „junge Herr" übernahm und wollte die Landwirtschaft nicht weiterführen, sondern stattdessen aus dem schlossähnlichen Gutshof ein Hotel machen. Friedrich wurde angeboten, im Hotel zu arbeiten. „Was hätte ich dort wohl tun sollen?“ „Unsere Betriebswohnung sei auch schon verplant gewesen. Der „junge Herr" hätte ihnen allerdings Ersatz im Dorf angeboten.

Friedrich erlebte die Geschehnisse als eine Vertreibung; er hätte nicht fassen können, dass er Arbeit und Heimat verlieren sollte. „Ich war wie gelähmt und wollte das Ganze nicht wahrhaben bis plötzlich der Viehhändler vorfuhr und die Tiere holte. Als alles erledigt war, bin ich in den Stall gegangen und hab Gift geschluckt". Glücklicherweise hatte ihn seine Frau kurze Zeit später gefunden.

Im Krankenhaus sei es ihm relativ gut gegangen, dennoch wäre er lieber tot gewesen, weil er keine Zukunft für sich gesehen hätte. Der „junge Herr" sei dann gekommen und habe ihm ein Häuschen mit etwas Land am Dorfrand für eine geringe Pacht angeboten, zudem noch eine Abfindung. „Es täte ihm so leid“ habe der junge Herr gesagt. Ich hatte keine Lust, mir das alles anzuhören und wollte eigentlich von ihm nur in Ruhe gelassen werden. Als der weg war, hat meine Frau aber mit mir geschimpft und mir klar gemacht, dass eine Entschädigung nur gerecht wäre. Ich habe das Angebot auch ihretwegen schließlich angenommen." Langsam habe er sich in die neue Situation eingelebt, er hätte sogar schon ein paar Hühner und Karnickel, so ganz ohne Tiere könne er sich ein Leben nicht vorstellen. Wenn er es genau bedenke, hätte das Ganze ja auch etwas Gutes gebracht. Jetzt sei er zum ersten Mal im Leben eine Woche in Urlaub gewesen. 

Einige Wochen später erzählte ich die Geschichte einem Kollegen. „Welch eine Symbolik, sagte dieser!“ Da versetzt ihm der „junge Herr" durch die überraschende Auflösung der Landwirtschaft, die sein Lebensinhalt und seine Lebensgrundlage war, einen ‚Schlag ins Gesicht' und einige Zeit später tritt der Gesichtsschmerz auf. Bevor er weitere psychologische Überlegungen machte, berichtete ich ihm von Friedrichs Wunderheilung. Ich hatte Friedrich ein Entspannungstraining angeboten, damit er seine angespannte Nacken und Gesichtsmuskulatur lockern konnte. Wie wir wissen, stellt Schmerz selber, unabhängig von seiner Quelle, einen extremen Stress dar, der mit einer Muskelanspannung verbunden ist, die schmerzhaft werden kann. Während dieser Trainingsstunden verstärkte sich im Laufe unserer Gespräch mein Verdacht: Wir mussten uns auf die Suche nach etwas „Organischem“ machen. Des Rätsels Lösung kam durch einen Zahnmediziner: Er berichtete, dass bei Patienten mit unklaren Gesichtsschmerzen häufig eine Zusammenhang mit dem Kiefergelenkt besteht. Dieser Arzt war die richtige Anlaufstelle für Friedrich.

Autorin: Carmen Franz (†)