Tiefenpsychologische Behandlung

Neben der Verhaltenstherapie gibt es ein weiteres von den Krankenkassen genehmigtes Behandlungsverfahren, das als „tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie“ bezeichnet wird. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) beruht auf den theoretischen Grundlagen der von Sigmund Freud begründeten und später weiterentwickelten Psychoanalyse. „Tiefenpsychologie“ verweist u.a. auf die unbewussten, verdrängten bzw. unverarbeiteten Konflikte aus der Vergangenheit, die sich durch ihren andauernden Einfluss auch heute noch auf unser Erleben negativ auswirken können.

Worum geht es in der tiefenpsychologischen Behandlung?

  • Das Unbewusste: In der TP geht man davon aus, dass es neben dem bewusst zugänglichen Teil unserer Psyche auch Teile gibt, die uns nicht bewusst sind, die aber dennoch wirksam sind und Einfluss auf unser inneres Erleben und unser äußeres Handeln haben. Die Behandlung zielt darauf ab, einen Teil dieses Unbewussten erkennbar zu machen, um dem Patienten eine bessere Erkenntnis und Befriedigung seiner Bedürfnisse zu ermöglichen.
  • Die Beziehungsgestaltung (Übertragung): Eine bestimmte Art und Weise der Kontaktaufnahme zu anderen Menschen und deren Bewertung ist typisch für jeden von uns. Wir entwickeln in unserer Kindheit durch die Auseinandersetzung mit unseren Eltern und/oder anderen wichtigen Bezugspersonen bestimmte „Beziehungsmuster“ und neigen dazu, Beziehungen, die wir später in unserem Leben zu weiteren Menschen aufnehmen, nach den gleichen Mustern zu organisieren. In der Therapie wird versucht, diese Muster zu erkennen und bewusst zu machen, um eine größere Variationsbreite des Verhaltens zu ermöglichen und zu verhindern, dass man immer wieder die gleichen Konflikte erlebt. Die Wurzel des Verhaltensmusters liegt also in der Kindheit, der belastende Konflikt hingegen in der Gegenwart.
  • Die Kindheit: Die Entwicklung in der Kindheit und Jugend gilt als bestimmend für die spätere Persönlichkeit. Somit werden auch die Ursachen für tiefe psychische Krisen im Erwachsenenalter zumeist in der frühen Kindheit gesehen. In der Therapie wird daher nicht nur das aktuelle Krankheitsgeschehen angeschaut, sondern die gesamte Lebensgeschichte. Viele sind verwundert, wenn der Therapeut bei gegenwärtigen Schmerzen sogar nach den Geburtsumständen fragt. Aber Wissenschaftler haben festgestellt, dass früheste Erfahrungen mit Schmerzen die Reaktion des Gehirns auf Schmerzen verstärken kann. Auch bei Frühgeborenen wurde diese erhöhte „Schmerzsensibilität“ bis ins Erwachsenenalter festgestellt.
  • Der Gefühlsausdruck: Menschen können Gefühle zurückhalten, unterdrücken oder ganz verdrängen, z.B. dann, wenn der Mensch versucht, angesichts starker Trauer oder Wut das „Gesicht zu wahren“. Gezeigte oder unterdrückte Gefühle gehen mit einer inneren Erregung und muskulären Anspannung einher, man spricht auch von „psycho-vegetativer Erregung“. Je heftiger nun das „unterdrückte“ Gefühl ist, desto stärker ist die körperliche Reaktion, wie z.B. schmerzhafte Schluckbeschwerden beim Zurückhalten der Trauer auf einer Beerdigung. Diese vegetativen Vorgänge können so stark sein, dass sie entweder ehemals körperliche Schmerzen verstärkend überlagern oder sich eigenständige, psychisch bedingte Schmerzen entwickeln, für die der Arzt dann keine körperliche Erklärung findet.

1. Schritt: Tiefenpsychologisch orientierte Diagnostik

Bei der Behandlung chronischer Schmerzen steht, wie bei allen anderen Verfahren, zunächst die diagnostische Abklärung im Vordergrund. Zwei wichtige Voraussetzungen für diese vertrauliche Zusammenarbeit von Patient und Therapeut sind, dass der Patient sich mit seinen Schmerzen ernst genommen fühlt und dass er zu einer Betrachtung seiner chronischen Schmerzen unter „bio-psycho-sozialen“ Gesichtspunkten bereit ist. Diese „ganzheitliche“ Betrachtung („Körper – Geist – Seele“) einer Schmerzkrankheit versteht sich nicht als letztes Mittel, wenn nichts anderes mehr hilft, sondern ist eine wichtige Ergänzung zur körperlichen Untersuchung. Es kann deshalb notwendig sein, dass der Therapie eine „Informationsphase“ vorgeschaltet wird, um zunächst die bio-psycho-sozialen Zusammenhänge von Schmerzen nachvollziehbar zu machen.

Übrigens

Geringes Geborgenheitsgefühl in Kindheit und Jugend, Misshandlung oder Abwertungen durch die Eltern, sexueller Missbrauch, häufiger Streit zwischen den Eltern sowie alle Erlebnisse, die als körperliches und/oder seelisches „Trauma“ (z.B. Vernichtungsangst bei Überfällen) erlebt werden, können zu einer psychosomatischen Schmerzkrankheit führen.

Bei der diagnostischen Klärung wird geschaut, ob es einen zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Beginn der Schmerzen und einem lebensgeschichtlich bedeutsamen Ereignis oder Lebensabschnitt gibt (u.a. Todesfall, Kündigung, Scheidung, Hausbau, Pflegefall).
Für die tiefenpsychologisch orientierte Diagnostik ist auch wichtig, ob es in den Entwicklungsphasen von Kindheit und Jugend Hinweise auf Überforderungen, Ängste oder Depressionen gibt, da sie eine spätere Chronifizierung von Schmerzen begünstigen können oder sogar zur Ursache einer psychosomatischen Schmerzkrankheit beitragen. Hinweise sind z.B. ein geringes Geborgenheitsgefühl in Kindheit und Jugend, Misshandlung oder Abwertungen durch die Eltern, sexueller Missbrauch, häufiger Streit zwischen den Eltern, also Erlebnisse, die der Mensch aus seiner Sicht als körperliches und/ oder seelisches „Trauma“ (z.B. Vernichtungsangst bei Überfällen) erlebte.
Darüber hinaus wird geprüft, ob lang anhaltender körperlicher, psychischer oder sozialer Stress der letzten Jahre oder Monate für die Aufrechterhaltung der Schmerzen verantwortlich ist. Aus diesem Grunde achtet der Therapeut besonders auf „ schwelende“ Konflikte in Beruf oder Familie, auf „überspielte“ Kränkungen und „verleugnete“ (Selbst-) Überforderung.

Zwei therapeutische Wege: aufdeckend oder bewältigungsorientiert

Die diagnostische Klärung gibt der Therapie eine Richtung. Die anschließende Therapie kann dann zwei Richtungen einschlagen: entweder den „aufdeckenden“ Weg oder ein „bewältigungsorientiertes“ Vorgehen. Beim aufdeckenden Weg wird versucht, verdrängtes Erleben und die damit verbundenen belastenden Gefühle bewusst zu machen, um sie einer bewussten Verarbeitung zuzuführen. Diese erlebt der Mensch als „tiefe Entlastung“, kann sich besser akzeptieren und Verhaltensalternativen finden, um sich beispielsweise anders als durch Schmerz vor Überforderung zu schützen.
Beim zweiten Weg des bewältigungsorientierten Vorgehens wird versucht, im Hier und Jetzt Möglichkeiten zu finden, nicht vom eigenen Schmerz vereinnahmt zu werden und trotz Anwesenheit von Schmerz ein aktives, zufriedenstellendes Leben zu führen. Dazu gehört eine gewisse Änderungsbereitschaft, zum Beispiel hinsichtlich einer realistischen Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit und Grenzen.
Die Behandlung kann in Einzelgesprächen oder in der Gruppe stattfinden. Viele Patienten können sich zunächst nicht vorstellen, einem oder mehreren fremden Menschen gegenüber offen von ihrer Lebensgeschichte zu erzählen. Doch im Verlauf bestätigen viele, wie gut es tut, sich jemandem, der nicht zur Familie gehört, anzuvertrauen und durch die Gruppe zu erfahren, dass man „mit seinem Problem nicht allein ist“.

Autor: Hans-Günter Nobis