Schmerzmittel im Sport

Dass Sport gesund ist, gilt als unumstößliche Tatsache. Ältere Menschen, die regelmäßig Sport betreiben, sollen circa acht Jahre länger leben und so bemühen sich jüngere und ältere Menschen darum, durch Sport fit zu bleiben.

Die Einnahme von Schmerzmitteln im Freizeit- und Leistungssport

 „Es tut alles weh, aber man hat keine Zeit über die Schmerzen nachzudenken. Vor großen Wettkämpfen ohne ausreichende Erholungszeiten muss ich Schmerzmittel nehmen, sonst
bin ich bald raus aus dem Geschäft“, so eine Teilnehmerin des Black-Forest-Ultra-Bike- Marathon.

„Zu viele Fußballspieler forcieren ihre Karriere durch die Einnahme von Schmerzmittel, um die
Schmerzgrenze zu überwinden. Vier von 10 Top-Spielern schlucken vor jedem Spiel Schmerz-
pillen, 60 % der Fußballspieler der WM 2010 in Südafrika nahmen Schmerzmittel, 39 % vor
jedem Spiel“, so ein Sportmediziner der FIFA.

Ein Sportler bei der Leichtathletik-WM 2003:
„Wegen Schmerzen im Oberschenkel habe ich mindestens 16 Spritzen bekommen. Die Betreuer am Streckenrand mussten mir immer wieder Schmerzmittel reichen.

Studien zufolge beschränkt sich der Medikamentenmissbrauch allerdings nicht nur auf Wettkämpfe, sondern gehört bei vielen Ausdauersportlern zu täglichen Trainingsroutine. Die Sportler glauben, dass sie durch die Schmerzmittel härter und länger trainieren könnten. Tatsächlich gibt es aber bis heute keinen wissenschaftlichen Beleg, der diesen Irrglauben bestätigt.
Im Gegenteil, verschiedene Studien haben gezeigt, dass die gefühlten Schmerzen bei intensiver Belastung unter Ibuprofen und Co. genauso stark ausfielen wie ohne Schmerzmittel. Und auch der Muskelkater nach einem Wettkampf wird von beiden Gruppen als ähnlich stark empfunden.
Schmerzmittel also vor und während des Sports eingenommen, bringen keinen nachweislichen Nutzen, gefährden aber die Gesundheit erheblich.

Um herauszufinden, in welchem Ausmaß  Freizeitsportler Schmerzmittel verwenden und ob bei den eingenommenen Mengen Probleme auftraten, befragten Forscher per Fragebogen 4000 Teilnehmer des Bonn-Marathons.
Die Ergebnisse:
 

  • Die Hälfte aller Läufer nahm bereits vor dem Start Schmerzmittel ein, jedoch nur ein kleiner Teil litt tatsächlich beim Start unter Schmerzen.
  • Frauen griffen häufiger zu Schmerzmitteln
  • Läufer mit Marathonerfahrung verwenden sie häufiger; sie hatten oft Schmerzen beim Training und klagten häufig über Probleme beim Lauf.
  • Die Einnahme von Schmerzmitteln vor dem Start verminderte nicht das Auftreten von Muskelkrämpfen während des Laufes und danach. Nur der Laufabbruch wegen Muskelschmerzen war etwas seltener, der Abbruch aufgrund von Darmkrämpfen war dagegen häufiger. Insgesamt waren Herz-Kreislaufprobleme, Magen-Darm Beschweren und Nierenschäden achtmal häufiger nach Schmerzmitteleinnahme.
  • Darmkrämpfe und Blutungen traten siebenmal häufiger auf.
  • Herz-Kreislaufbeschwerden waren ca. fünfmal häufiger.
  • Blutiger Urin trat ausschließlich nach Schmerzmittelkonsum auf.
  • Insgesamt neun Krankenhausaufnahmen wurden berichtet, drei aufgrund temporären Nierenversagens (Ibuprofen), vier wegen Magen-Darmblutungen (Azetylsalizylsäure) und zwei aufgrund von Herzinfarkten (Azetylsalizylsäure).


Ältere Sportler wollen mit jüngeren mithalten können, andere brauchen eine besondere Herausforderung, auf die sie sich allein mit Training nicht vorbereiten können – und greifen deswegen zur Tablettendose. Die Befragung zeigte auch, dass weniger als 10% der Breitensportteilnehmer beim Bonn-Marathon sich vor Schmerzmittelanwendung bei Arzt oder Apotheker informiert hatten.

Experten beunruhigt vor allem die Menge an Schmerzmitteln, die im Umlauf ist. Bei einem so hohen Schmerzmittelgebrauch im Leistungs- und Freizeitsport ist das Wort „Mißbrauch“ angebracht.

Für diesen hohen Konsum sind aber nicht nur die Athleten selbst, sondern oftmals auch
Mannschaftsärzte und  Betreuer verantwortlich. Die meisten Mannschaftsärzte im Leistungssport stehen unter erheblichem Druck, sich einerseits Zeit für eine erforderliche Untersuchung und Therapie zu nehmen, andererseits die Athleten so schnell als möglich wieder auf das Spielfeld zubringen.
Medien, Vereine/Verbände, Ärzte/Physiotherapeuten, Öffentlichkeit, Sponsoren, eigene Leitungsansprüche üben einen kontinuierlichen Druck auf die Athleten/innen aus, so dass schon aus diesen Gründen die individuelle, Leitlinien-gerechte Diagnostik, Therapie und Rehabilitation von Schmerzursachen vernachlässig wird.

Beschaffungsverhalten

Es werden drei Verhaltensweisen unterschieden:

  1. Zugang zu den frei erhältlichen Medikamenten, zu denen neben den allgemein bekannten Schmerzmittel wie Aspirin auch Mittel wie Diclofenac (Voltaren), Ibuprofen u.a.m gehören (sog. NSAR), letztere sind die am häufigsten verwendeten Schmerzmittel im Freizeit- und Leistungssport.
  2. Verordnung rezeptpflichtiger Medikamente durch den Hausarzt, Orthopäden, Sportarzt
  3. „Unzulässiger“ Zugang zu Schmerzmitteln auf dem „Schwarzmarkt“ über Sportkollegen, Trainer, Physiotherapeuten oder Ärzte.


Die Bedeutung des Schmerzes im Sport:

Im Training an und über die Schmerzgrenze zu gehen, kann zu einem Leistungszuwachs führen, der nichts mit Doping zu tun hat. Diese zu erwartenden Schmerzen durch die vorhergehende Einnahme von Schmerzmitteln zu reduzieren oder auch auszuschalten, kann neben den bereits beschriebenen Nebenwirkungen zu ernsthaften funktionellen und strukturellen Schädigungen am Bewegungssystem  führen, weil der Schmerz als Warnsignal unterdrückt bzw. ausgeschaltet wurde z.B. Muskelfaserrisse, Bänder- oder Gelenkverletzungen.
Dauerhafte Überbeanspruchungen ohne ausreichende Erholungsphasen müssen zu Schmerzen und Leistungseinschränkungen führen. Auch die medikamentöse Ausschaltung von Schmerzen in der Rehabilitationsphase, um früher wieder am Training und Wettbewerb teilnehmen zu können, können zu größeren und nicht selten dauerhaften Schäden führen.

Das „verdrängte“ Problem der Nebenwirkungen

Es gibt in der Literatur zahlreiche Hinweise auf die gravierenden Nebenwirkungen und Risiken der der Einnahme von Schmerzmitteln, wenn diese nicht ärztlich verordnet und überwacht werden.
Zitat aus der Presseinformation der Deutschen Schmerzgesellschaft:
 „Sport ist gesund, da sind sich alle einig. Wenn junge, hervorragend trainierte Sportler plötzlich sterben, ist das Entsetzen daher besonders groß. In solchen Fällen sind es oft frei verkäufliche Medikamente, die fatale Folgen haben. Schmerzmittel wie Diclofenac, Ibuprofen oder Azetylsalizylsäure (Aspirin) sind nicht als Doping verboten, schädigen aber die Blutgefäße, können zu Darmblutungen und Nierenversagen führen.

Fazit:

  • Die Welt spricht über Doping im Leistungssport – doch was wenig Beachtung findet, ist der Konsum von  Schmerzmitteln im Freizeitsport.  Sicherlich  kein  Doping  im  eigentlichen  Sinne,  denn  Schmerzmittel  stehen  nicht  auf  der  Dopingliste – aber ist das unser Alltagsdoping?
  • Die Ausschaltung des Schmerzes durch die Einnahme dieser Medikamente kann dazu führen, dass teils gravierende Verletzungen der Muskulatur und der Gelenke entstehen können, weil die Warnfunktion des Schmerzes ausgeschaltet wurde.
  • Wer vor dem Start bereits Gelenk- oder Muskelschmerzen hat, sollte nicht am Wettbewerb teilnehmen. Das ohnehin vorgeschädigte Knorpel-Knochen-Muskelsystem wird unter Schmerzmitteleinnahme wahrscheinlich eher weiteren Schaden nehmen als ohne. Richtig ist es, den Heilungsprozess abzuwarten.
  • Die sog. vorsorgliche Einnahme von Schmerzmitteln vor größeren sportlichen Belastungen ist stets vorab mit dem behandelnden Arzt abzustimmen.
  • Ärzte, Physiotherapeuten, auch Trainer können sich aufgrund ihrer besonderen Kenntnisse schuldig und teilweise haftbar/strafbar machen, wenn sie eine nicht indizierte, falsche oder unzureichende Schmerzbehandlung akzeptieren.

Autor: Toni Graf-Baumann