Was ist „RLS“?

Die Abkürzung “RLS” bedeutet Restless Legs Syndrom – übersetzt: Erkrankung der unruhigen, ruhe- oder rastlosen Beine.


Das Restless Legs Syndrom (RLS) ist in westlichen Industrieländern mit einer Verbreitung von ca. 10% in der Bevölkerung eine der häufigsten neurologischen
Erkrankungen, von den Betroffenen sind 3-4% therapiebedürftig.
In einer kürzlich durchgeführten Untersuchung des European Brain Council nimmt das RLS den zweiten Platz der sozioökonomisch teuersten neurologischen Erkrankungen ein. Der durchschnittliche Beginn der Beschwerden wird bei Patienten mit familiärem RLS vor dem 30. Lebensjahr angegeben, die Beschwerden können schon in der Kindheit oder im Jugendalter beginnen. Das RLS verläuft in der Regel chronisch-fortschreitend, kann jedoch (besonders zu Beginn der Erkrankung) nur mild ausgeprägt und von wochen- bis monatelangen weitgehend symptomfreien Intervallen unterbrochen sein. Meist werden die Patienten zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr therapiebedürftig. Frauen sind häufiger als Männer betroffen.

Die Missempfindungen werden von den Betroffenen als Ziehen, Stechen, Kribbeln, Ameisenlaufen, Druckgefühl, Elektrisieren, Reißen, Krämpfe/ krampfartiges Ziehen,
einschießender oder quälender Schmerz oder brennende Missempfindungen geschildert. Auch kann ein RLS nicht nur an Beinen oder Armen, sondern auch in anderen Körperregionen wie dem Rücken oder im Genitalbereich auftreten.


Schmerzen werden neben den Missempfindungen in den Gliedmaßen, Schlafstörungen und Bewegungsdrang von RLS-PatientINNen an vierter Stelle der am meisten beeinträchtigenden Symptome genannt. Die Behandlung von Schmerzen hat daher einen hohen Stellenwert. Es sollte bei PatientINNen mit chronischem Schmerz auch an ein RLS als mögliche Ursache des Schmerzes gedacht werden.

 

Restless Legs Syndrom

Restless Legs Syndrom

Diagnose

Die Kriterien, die für die Diagnose eines RLS erfüllt sein müssen, sind:

  1. Bewegungsdrang der Gliedmaßen (Beine/Arme), verbunden mit unangenehmen Missempfindungen.
  2. Verschlechterung der Beschwerden bei Ruhe (Liegen und Sitzen).
  3. Teilweise oder vollständige Besserung durch Bewegung (Laufen oder Dehnen).
  4. Die Symptome sind abends oder nachts deutlich ausgeprägter.
  5. Diagnostisch auszuschließen sind u.a. Muskelerkrankungen, Muskelkrämpfe, Gelenkentzündungen, Fehlstellungen der Gelenke, Gefäßerkrankungen, Störung oder Erkrankungen von Nerven, Fußwippen als Gewohnheit oder die Nebenwirkung von Medikamenten sowie Depression und Angsterkrankungen. Neben einer klinisch-neurologischen Untersuchung sollte unter Umständen eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeit sowie eine Muskeluntersuchung erfolgen.

Eine Einstufung des Schweregrades der RLS-Symptomatik kann dabei anhand der von der International Restless Legs Study Group (IRLSSG) herausgebrachten Schweregradskala mit 10 Fragen und maximal 40 Punkten erfolgen (1-10 Punkte: leichtgradiges RLS, 11-20 Punkte: mittelgradiges RLS, 21-30 Punkte: schwergradiges RLS, 31-40 Punkte: sehr schwergradiges RLS).

 

Zusätzlich können noch vier weitere Kriterien die Diagnose eines RLS unterstützen, müssen aber nicht zwingend vorhanden sein:

  1. Ansprechen auf dopaminerge Therapie (z.B. 50 % Verbesserung der RLS-Beschwerden im L-DOPA Test). L-Dopa-Test. Der L-Dopa-Test kann den Verdacht auf unruhige Beine erhärten. Das Medikament L-Dopa wird im Gehirn zu Dopamin. Dieses beeinflusst die Signalübertragung der Nerven. Beim L-Dopa-Test erhält der Erkrankte L-Dopa, sobald die Beschwerden einsetzen. Bessern sich die Symptome, deutet dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ein Restless Legs Syndrom hin. Tritt keine Besserung ein, spricht das jedoch nicht gegen RLS.
     
  2. Positive Familienanamnese. In mehr als der Hälfte der Fälle sind leibliche Verwandte des/der Erkrankten vom Syndrom der unruhigen Beine betroffen.
     
  3. Nachweis von periodischen (wiederkehrenden) Beinbewegungen während des Schlafes in einem Schlaflabor (Polysomnographie).
     
  4. Fehlen einer ausgeprägten Tagesschläfrigkeit, obwohl von Ein- und Durchschlafstörungen betroffen. RLS-Betroffene sind tagsüber zwar müde, können jedoch aufgrund ihres Bewegungsdranges keine Ruhe finden.

 

Mögliche Ursachen von RLS

Die Ursache des Restless Legs Syndroms ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht vollständig aufgeklärt.

Wichtige Faktoren sind nach heutigem Wissenstand:

  • Ein gestörter Eisenstoffwechsel im Gehirn. Ein Eisenmangel führt zu einem gestörten Stoffwechsel, da Eisen bei der Herstellung des körpereigenen Dopamins ein wichtiger Co-Faktor ist.
     
  • Mangel am Botenstoff Dopamin im Gehirn. Dopamin ist ein Botenstoff, der die Erregung von einer Nervenzelle auf andere Zellen überträgt.
     
  • Genetische Belastung. Es wurden inzwischen 19 Genveränderungen festgestellt. Welche genaue Rolle diese Gene im Zusammenhang mit dem RLS spielen ist noch nicht geklärt.

RLS kann während der Schwangerschaft auftreten. Dann verschwindet es oft nach der Entbindung.

Fallbeispiel:

Herr G, ein 28 Jahre alter Patient, leidet seit 2 1/2 Jahren an sehr schmerzhaften, abendlich und nächtlich betonten Missempfindungen (Dysästhesien) in beiden Hoden, ausstrahlend in die linke Leiste, vereinzelt auch unter einem Kribbeln in der linken Hand sowie im linken Bein, rechten Unterschenkel und Fuß. Eine Zunahme des Hoden- und Leistenschmerzes tritt in Ruhe ein, eine Besserung hingegen bei Bewegung. Der Patient hat einen extremen Leidensdruck aufgrund der Schmerzsymptomatik, seine
Lebenspartnerin trennt sich aufgrund der Beschwerden von ihm. Da er nachts nicht schlafen kann, ist er tagsüber sehr müde, kann sich nicht auf sein Studium konzentrieren und aufgrund des Hodenschmerzes nicht länger in den Vorlesungen sitzen, es erfolgt der Abbruch des BWL-Studiums. Insgesamt erfolgen umfangreiche stationäre und ambulante Untersuchungen mit unauffälligen Ergebnissen. Der Patient wurde lange mit den Diagnosen Verdacht auf Funktionsstörungen ohne körperlichen Befund einer sog. somatoformen Schmerzstörung oder Somatisierungsstörung behandelt, die häufig einen psychischen Ursprung haben. Schließlich wurde der Patient mit Verdacht auf ein Restless Legs Syndrom im Schlaflabor vorgestellt, wo sich der RLS-Verdacht bestätigte. Mit einem Beschwerdegrad (PLMS-Index) von 41,3/h bei einem Norm-Wert von bis 5/h, trat in der zweiten Nacht unter einem Medikament, das auch bei der Parkinsonkrankheit zum Einsatz kommt und den Botenstoff Dopamin enthält, eine Symptomlinderung und Besserung des PLMS-Index auf 28,7/h ein. Im Anschluss erhielt der Patient noch ein schmerzstillendes Medikament (Opioid), worunter die Beschwerden erstmals seit Jahren verschwanden, was auch sein Ein- und Durchschlafen verbesserte.

 

Beim Vorliegen von schmerzhaften Missempfindungen sollte auch an das Vorliegen eines Restless Legs Syndroms als mögliche Ursache gedacht werden, insbesondere bei einer abendlichen und nächtlichen Verschlimmerung der Beschwerden.

Psychische Erkrankungen als Verstärker?
Nicht selten werden bei RLS-Patienten auch Angststörungen und/oder Depressionen diagnostiziert. Ob es sich bei dieser Patientengruppe dann um einen ursächlichen Zusammenhang handelt oder diese vielmehr die Folgen chronischer Schlafstörungen oder der massiv eingeschränkten Lebensqualität sind, ist derzeit nicht geklärt. Psychische Gesundheitsstörungen werden oft vom Arzt nicht erkannt und von Betroffenen aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, bagatellisiert und somit in ihrem Ausmaß nicht erkannt.

Behandlungsmöglichkeiten

Bei einem RLS kann man nur versuchen, die Beschwerden zu lindern und damit die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Ist das RLS die Folge einer bekannten Krankheit, können durch die Behandlung der Begleiterkrankung die RLS-Beschwerden ganz aufhören.

Medikamentöse Behandlung
Eine medikamentöse Behandlung ist erst dann sinnvoll, wenn der Patient sich durch die Symptome beeinträchtigt fühlt. Wenn man z.B. durch die damit verbundene Schlafstörung den Alltag nicht mehr meistern kann. Die Therapie mit Dopamin ist die Behandlung erster Wahl. In der Regel ist eine niedrige Tagesdosis ausreichend. Abhängig von der Schwere der Symptomatik, der zeitlichen Verteilung der Beschwerden und von vorbestehenden medikamentösen Nebenwirkungen ist zwischen einer Therapie mit Dopaminagonisten, Opioiden oder Medikamente zur Behandlung von neuropathischen Beschwerden wie Gabapentin oder Pregabalin abzuwägen. Nicht selten müssen RLS-Betroffene die Behandlung mit Dopaminagonisten abbrechen, weil die Nebenwirkungen zu stark sind oder keine ausreichende Wirkung zeigen. Die Behandlung mit L-DOPA ist wegen der hohen Augmentationsraten nicht mehr zeitgemäß. Augmentation bedeutet ein im Tagesverlauf früheres Auftreten der RLS-Symptome, eine Zunahme der Intensität der RLS-Symptome tagsüber oder eine Ausweitung der RLS-Symptome unter der Medikation.

 

Medikamentöse Behandlung bei Schmerz
Schmerzen, die nicht frühzeitig mitbehandelt werden, können im Rahmen einer zunehmenden Sensibilisierung von am Schmerz beteiligten Nerven auch zu einer gesteigerten Schmerzempfindlichkeit (Herabsetzung der Schmerzschwelle) führen. Wichtig ist es daher, die Schmerztherapie frühzeitig einzusetzen, bevor es zur Ausbildung von chronifizierten Schmerzen kommt. Zu einer guten und wirksamen Schmerztherapie beim RLS gehört ein umfassendes Konzept, das neben Medikamenten auch nicht-medikamentöse Therapien berücksichtigt. Schmerzmediziner sprechen hier von einer  „multimodalen“ Schmerztherapie. Sollte es unter nicht-opiathaltigen Schmerzmitteln zu keiner deutlichen Linderung kommen, können bei einzelnen PatientINNen, nach strenger Abwägung, auch Opioide eingesetzt werden. Als Nebenwirkungen einer Opioidbehandlung sind ein Schlafapnoesyndrom (Atemaussetzer), Tagesschläfrigkeit, Entzugssymptome und eine sogenannte opioid-induzierte Schmerzüberempfindlichkeit (Hyperalgesie) möglich.

Medikamentöse Einschränkungen
Medikamente wie Antidepressiva, Neuroleptika, Antihistaminika und Metoclopramid müssen, sofern medizinisch vertretbar, abgesetzt werden, da diese ggf. ein RLS auslösen oder verstärken können.

 

Wichtig !
Medikamente wie Antidepressiva, Neuroleptika, Antihistaminika und der Wirkstoff Metoclopramid (Magenmittel) können das RLS auslösen oder verstärken.

Gerade weil in der Schmerztherapie häufig zur Schmerzdistanzierung Antidepressiva eingesetzt werden, sollte dies mit dem behandelnden Arzt vorher geklärt werden.

Nicht-medikamentöse Möglichkeiten
Als nicht-medikamentöse Optionen für die RLS-Behandlung ist zunächst die Einhaltung einer guten Schlafhygiene mit regelmäßigen Bettzeiten und das Vermeiden von Schlafentzug durch Nachtschichtarbeiten wichtig. Zur unmittelbaren Symptomlinderung können physikalische Maßnahmen wie Massage, kühlende Gele oder Bäder angewendet werden. Auch eine regelmäßige moderate körperliche Aktivität kann sich positiv auswirken, sportliche Aktivität mit Beinarbeit sollte jedoch in den Morgenstunden erfolgen, da viele PatientINNen nach Joggen oder ausgedehntem Wandern sowie nach Gartenarbeit am Nachmittag oder Abend dann nachts verstärkte RLS-Beschwerden haben. Auch eine gedankliche Ablenkung durch geliebte Hobbys wie z.B. Handarbeiten, Spielen, Lesen kann die Symptome erträglicher machen.

Wichtig!
Bei RLS sollte nach 15 Uhr kein Kaffee und ab vier Stunden vorm Zubettgehen kein Alkohol mehr konsumiert werden.

Selbsthilfe

Viele RLS-PatientINNen haben einen langen Leidensweg hinter sich, deshalb bilden gerade die heimatnahen Selbsthilfegruppen von der Deutschen Restless Legs Vereinigung (RLS e.V.) ein gutes Forum, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

WebTipp:
Informationen über das Krankheitsbild und Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe finden Sie unter: www.restless-legs.org

Autoren: Cornelius Bachmann, Katharina Glanz, Hans-Günther Nobis