1. Einleitung

Spiegeltherapie wurde erstmals 1996 von dem Inder Vilayanur S. Ramachandran bei Phantomschmerzen nach Amputation einer oberen Extremität eingesetzt. Das Spiegelbild der nicht betroffenen Hand gab den Teilnehmern die Illusion von zwei vorhandenen Extremitäten. Die Teilnehmer konnten sogar teilweise Sinneseindrücke, wie Berührungs- und Bewegungsempfinden in der amputierten Extremität wahrnehmen. Seit diesem Zeitpunkt wurde die Spiegeltherapie erfolgreich für mehrere Krankheitsbilder eingesetzt und konnte in vielen Fällen Schmerzen reduzieren und eingeschränkte Bewegungen beseitigen.


2. Wie wird der Spiegel verwendet?

Ein Spiegel wird in der Körpermitte vor Ihnen positioniert. Der gesunde Arm oder das Bein wird vor dem Spiegel platziert. Die betroffene Seite liegt oder steht entspannt hinter dem Spiegel und sollte vollkommen verdeckt sein. Sie betrachten konzentriert das Spiegelbild und bewegen die gesunde Seite. Dadurch entsteht die Illusion, Sie würden die betroffene Seite beschwerdefrei mitbewegen. Durch häufiges Üben kann dieser illusorische Effekt in reale Bewegungen der betroffenen Seite übergehen und die Beschwerden so verringern.


3. Wie funktioniert die Spiegeltherapie?

Die Wirkweise liegt einerseits in der Lernfähigkeit und Formbarkeit (Plastizität) unseres Gehirns. Das Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die miteinander verbunden sind. In der Hirnregion, die für unsere Wahrnehmung von Berührung und Bewegung verantwortlich ist, befinden sich sogenannte „Repräsentationsareale“ verschiedener Körperregionen. Diese Anlage von Körperarealen im Gehirn ist vergleichbar mit einem Bauplan unseres Körpers und wird als Körperschema bezeichnet. Wir fühlen und unterscheiden also unsere verschiedenen Körperteile, weil die zugewiesenen Hirnregionen Signale aus dem Körper verarbeiten. Bei verschiedenen Erkrankungen, wie z.B. chronischen Schmerzen oder nach Amputationen, können diese Hirnareale schrumpfen und das Körperschema ist nachweislich verändert. Das bedeutet, die Wahrnehmung der Körperregion ist verringert oder durch Missempfindungen, wie Kribbeln, Taubheit oder Schmerzen verändert. Die Spiegeltherapie nutzt die Plastizität (Veränderbarkeit) des Gehirns und organisiert die betroffenen Areale neu. Durch den Lerneffekt soll sich ein natürliches Körperschema wiederhergestellt werden.
Eine weitere Wirkweise ist die Funktion der Spiegelneuronen. Diese Nervenzellen sind beim Erkennen und Nachahmen von Bewegungen, sowie dem motorischen Lernen beteiligt. Sie können unsere Handlungen neu programmieren, helfen beim Erlernen von neuen Bewegungsmustern und können erlernte Schmerzerfahrungen vermindern. Sie bilden die Grundlage zur Neuprogrammierung des Gehirns. Die Gehirnaktivität ist während der Benutzung des Spiegels geringer, als die eigentliche Bewegung der betroffenen Seite wäre. Dadurch werden Schmerzerfahrungen weniger aktiviert.


4. Kann ich von der Spiegeltherapie profitieren?

Grundsätzlich: Sie müssen es ausprobieren!
Können Sie sich Bewegungen der betroffenen Seite gut im Geiste vorstellen? Wenn ja, können Sie sich der Illusion eher hingeben und nehmen das Spiegelbild ihres Armes oder Beines leichter als Ihr eigenes an. Dadurch ist die Wirkweise der Spiegeltherapie umso stärker. Da Spiegeltherapie viel Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit fordert, sollten die Einheiten nicht zu lange gewählt werden. Ein nachhaltiger Effekt tritt selten sofort ein. Daher gilt es geduldig mehrere Einheiten auszuprobieren.

Bei folgenden Krankheitsbildern wurde Spiegeltherapie bereits mit einem gutem Effekt eingesetzt:

 

  • CRPS (ehemals Morbus Sudeck)
  • Phantomschmerz
  • chronischen Schmerzen an Armen oder Beinen
  • Schlaganfall
  • Morbus Parkinson (neurologische Erkrankung)
  • Multiple Sklerose (neurologische Erkrankung)
  • Schädel-Hirn-Trauma oder Hirntumore
  • Nervenverletzungen
  • fokale Handdystonie (Musikerkrampf)
  • Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen nach Knochenbrüchen

5. Gibt es Nebenwirkungen?

Es kann zu einer Symptomzunahme von Schmerzen, Taubheit, Kribbeln oder Zittern kommen, je nach Krankheitsbild. Diese Warnzeichen sollten sie berücksichtigen und eine Pause einlegen.
Selten kommt es zu Schwindel oder Übelkeit während der Betrachtung des Spiegelbildes. Wenden Sie ihren Blick vom Spiegel ab und konzentrieren sich auf einen Punkt im Raum. Die Symptome verschwinden in der Regel nach kurzer Zeit.
Bei einigen Menschen kommt es zu emotionalen Reaktionen, wie z.B. Weinen oder das Gefühl von Unsicherheit. Auch diese Symptome verschwinden in der Regel mit dem Abwenden vom Spiegel.


6 Wie oft sollte ich üben?

Grundsätzlich: lieber in kleinen Einheiten zu 5-10 Minuten und dafür öfters am Tag.  Zu diesen Krankheitsbildern werden aus Studien folgende Empfehlungen gegeben:

  •  
  • CRPS: 4-6x täglich mit jeweils 5-10 min
  • Phantomschmerz: mind. 3x pro Woche, dabei 1-3x täglich mit jeweils 10-15 min
  • Schlaganfall: einmal täglich bis zu 30 min

7. Welche Hinweise sollte ich beachten?

  • Den Einstieg in die Spiegeltherapie zeigen Ihnen Physio- oder Ergotherapeuten. Im Verlauf der Therapie sollte ein individuelles Hausaufgabenprogramm entstehen.
     
  • Die Spiegeltherapie sollte so früh wie möglich in der Behandlung eingesetzt werden.
     
  • Der Spiegel sollte sauber sein und ein realistisches Bild wiedergeben. Durch den Spiegel verzerrte Körperteile können Symptome verstärken.
     
  • Damit die Illusion gut wirken kann, sollte die Umgebung so „reizarm“ wie möglich sein. Es sollte ein ruhiger Raum sein. Tragen Sie keine Ringe oder anderer Schmuck während der Spiegeltherapie. Sichtbare Tattoos sollten abgeklebt werden. Das Spiegelbild sollte keine weiteren Gegenstände zeigen, die nicht auf beiden Seiten vorhanden sein können (z.B. Mobiltelefon, Geldbeutel, ...).
     
  • Die Dauer und Intensität richten sich nach der Konzentrationsfähigkeit und dem Auftreten von Nebenwirkungen. Sie sollten unterhalb ihrer Schmerztoleranzgrenze trainieren – während der Therapie und darüber hinaus sollte es zu keiner Schmerzverstärkung kommen.
     
  • Dokumentieren Sie Ihre Trainingseinheiten mit den jeweiligen Inhalten in einem Trainingsplan.


8. Wie sieht das Übungsprogramm aus?

  1. Spiegeltherapie ist in 4 Stufen aufgebaut:
     
  2. Betrachten des Spiegelbildes
     
  3. Aktives Bewegen des nichtbetroffenen Körperteils
     
  4. Leichte  beidseitige Bewegungen
     
  5. Aktive Übung mit Therapiemitteln

Die Stufen werden nach Trainingsprinzipien - vom leichten zum Schweren, vom Bekannten zum Unbekannten, von Langsamen zum Schnellen oder vom Einfachen zum Komplexen – individuell auf die Defizite der Patienten aufgebaut. Dabei können Therapiemittel (Stufe 4), wie z.B. Igelbälle oder Handtücher auch schon in Stufe 2 genutzt werden. Im Folgenden werden Möglichkeiten der Spiegeltherapie für Hände und Füße für die verschiedenen Stufen dargestellt:

 

1) Startposition: Der Arm/Fuß liegt oder steht bequem auf dem Tisch/Boden und Sie betrachten konzentriert das Spiegelbild der gesunden Seite. Durch das „aktive Wahrnehmen“ wird das Spiegelbild als eigenes Körperteil angenommen. Die verdeckte Seite darf für Sie nicht sichtbar sein.

2) Halten Sie eine einfache Position und beobachten Sie konzentriert die Hand/den Fuß. Danach bewegen sie aktiv die nicht betroffene Seite mit kleinen/einfachen Bewegungen (Bsp. Hand zur Faust ballen oder Fuß hochziehen). Als weitere Steigerung können größere/komplexere Bewegungen auf der nicht betroffenen Seite in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ausgeführt werden. Langsamere Bewegungen können besser wahrgenommen werden und sollten am Anfang im Vordergrund stehen.

3) Im weiteren Verlauf können unterschiedliche Materialen (Igelball, Handtuch, Pinsel, Linsenbad, ...) und vor allem Alltagsgegenstände (Stift, Besteck) eingesetzt werden. Dabei können Sie aktiv den Gegenstand benutzen oder der Therapeut berührt Sie damit, um ihre Wahrnehmung zu schulen.

4) Symmetrische, beidseitige Bewegungen analog zu den Punkten 2 und 3 – von kleinen, einfachen und langsamen zu großen, komplexen und schnellen Bewegungen, mit und ohne Materialen.

 

5) Nutzen Sie ihre Kreativität. Jede Übung ist erlaubt und sollte das Ziel verfolgen, Ihre Defizite zu verbessern. Daher sollten die Übungen sehr funktionell und individuell sein.

9. Gibt es weitere Therapie-Methoden?

Graded Motor Imagery (GMI) ist ein Programm, das die Spiegeltherapie integriert. Es beinhaltet 3 Stufen des Lernens von schmerzreduzierten Bewegungen. Die erste Stufe ist die Bewegungsvorstellung, wobei Sie Bilder von Händen oder Füßen gezeigt bekommen und der linken oder rechten Körperseite zuordnen sollen (links-/rechts-Unterscheidung). In der zweiten Stufe sollen Sie anhand der zuvor benutzten Bilder sich die Bewegung an der betroffenen Seite nur vorstellen, ohne sie real auszuführen. Die dritte Stufe integriert die Spiegeltherapie. Jede Stufe sollte für zwei Wochen geübt werden und zu jeder vollen Stunde sollten Sie 10 Minuten üben. Treten vermehrt Nebenwirkungen auf, wird eine Stufe in der Therapie zurückgegangen. Viele Physio- und Ergotherapeuten nutzen heutzutage das GMI-Programm. Es bietet weitere Optionen zur Spiegeltherapie und kann ein wirksames Werkzeug in der Therapie sein.


10. Fazit

Spiegeltherapie kann ein effektives und nebenwirkungsarmes Training für Sie sein. Physio- und Ergotherapeuten setzen seit Jahren den Spiegel schmerzlindernd und bewegungsfördernd ein. Die Spiegeltherapie ist eine sehr aktive und intensive Therapie. Damit diese effektiv sein kann, werden Sie sowohl mental als auch zeitlich gefordert. Zur Überprüfung der Wirksamkeit für Ihre Probleme, sollten Sie einen Termin bei einem Physio- oder Ergotherapeuten ausmachen und das weitere Vorgehen besprechen.

 

Autor: Stefan Lindner