Schmerz im Alter

Chronische, also langfristig anhaltende Schmerzen nehmen im höheren Lebensalter zu. Sie werden jedoch seltener als bei jüngeren Menschen angemessen behandelt. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass ältere Personen häufig nicht nur unter Schmerzen, sondern auch unter zahlreichen anderen Symptomen und Erkrankungen leiden. Die Folge ist, dass der Schmerz wegen anderer, mitunter lebensbedrohlicher Erkrankungen nicht das einzige Ziel der therapeutischen Bemühungen sein kann. So müssen die Schmerzmedikamente sorgfältig mit anderen erforderlichen Medikamenten abgestimmt werden, was nicht nur die Therapie, sondern auch die Diagnostik erschweren kann.

Besondere Probleme mit der Schmerzdiagnostik und -therapie ergeben sich, wenn die geistigen (kognitiven) Fähigkeiten eingeschränkt sind, d.h. bei Demenz. Je älter die Menschen sind, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigt sind und dass mehrere Medikamente eingenommen werden. Hinzu kommt ein im Alter veränderter Stoffwechsel, sodass je nach biologischem Alter des Patienten andere Therapiestrategien als bei Jüngeren eingesetzt werden müssen.

Schmerz thematisieren

Ein weiteres Hindernis der Schmerztherapie im Alter beruht auf der Vorstellung, dass Schmerzen im Alter normal seien. Die Folge: Ältere berichten weniger spontan als Jüngere über Schmerzen. Da diese Auffassung auch Ärzten nicht fremd ist, fragen sie umgekehrt ältere Patienten oft nicht nach Schmerzen. Schmerz bei Älteren wird also häufig übersehen. Das bestätigt eine Befragung von Patienten über 70 Jahren: 15% gaben erst auf Nachfrage ihrem Hausarzt nicht bekannte Schmerzen an und waren dementsprechend nicht behandelt. In Alten- und Pflegeheimen ist dies noch häufiger der Fall. Für eine gute Schmerzbehandlung von älteren Patienten ist es daher wichtig, dass Betroffene wenn irgend möglich Personal und Ärzte über ihre Schmerzen informieren und dass Ärzte und Pfleger aktiv nachfragen, ob Schmerzen vorliegen.


Diese Kommunikation ist bei geistig verwirrten oder dementen Personen, die nicht mehr in der Lage sind, den erlebten Schmerz zu benennen, kaum möglich. Die Folge: Weil der Schmerz nicht erkannt wird, erhalten sie auch keine Schmerzmedikamente. Das muss nicht so sein. Denn auch an bestimmten Verhaltensweisen wie Stöhnlauten oder dem Zusammenziehen der Stirn bei einem Lagewechsel lässt sich erkennen, dass Schmerzen vorliegen. Eine Hilfe für Angehörige und Pflegende können hier Beobachtungsbögen (Punkteskalen) sein, zum Beispiel die von der Deutschen Schmerzgesellschaft (DGSS) erarbeitete BESD-Skala (BEurteilung von Schmerzen bei Demenz).

Gute Frage

Wie erkennt man Schmerzen bei Patienten mit Demenz?

  • Indirekte Hinweise sind gequälte Laute, Stöhnen, Weinen oder Schreien, unerklärliche Aggression, verzerrte Mimik, Schonhaltungen, Unruhe, Abwehr der Pflege, Appetitmangel, Schlafstörungen.
  • Mögliche körperliche Hinweise sind ein Pulsanstieg, flache Atmung, Blässe, Schwitzen und eine angespannte Muskulatur.

Wichtig
Schmerz bei Älteren wird häufig übersehen! Ärzte und Pfleger sollten aktiv nachfragen, ob Schmerzen vorliegen.


Schmerzmedikamente altersgerecht einsetzen

Grundsätzlich können alle Medikamente, die bei jüngeren Personen in der Schmerztherapie eingesetzt werden, auch bei älteren zur Anwendung kommen. Durch den bei älteren Menschen veränderten Stoffwechsel ist aber das Risiko unerwünschter Wirkungen erhöht. Deshalb sind bestimmte Vorsichtsmaßnahmen sinnvoll. Insbesondere Ältere sollten frei in der Apotheke erhältliche Schmerzmedikamente nicht über längere Zeit ohne Rücksprache mit dem Arzt einnehmen. Bei unkontrolliertem Dauergebrauch der antientzündlich und schmerzlindernd (analgetisch) wirksamen Medikamente der Stufe 1 des Schmerztherapie-Stufenschemas der Weltgesundheitsorganisation können unerwünschte Wirkungen wie Magenbluten, Leber- und Nierenschädigung auftreten. Werden sie in der Therapie chronischer Schmerzen langfristig eingesetzt, sollte regelmäßig die Magen-, Leber- und Nierenfunktion untersucht werden.

Erfordern die Schmerzen die Verordnung von Schmerzmitteln der Stufe 3, sogenannten Opioiden, so gilt es zu bedenken, dass sich der Organismus des älteren Patienten erst an ihre Effekte gewöhnen muss. Sie sollen daher zunächst unterdosiert, d.h. in einer Dosierung gegeben werden, die den Schmerz noch nicht kontrolliert. Nach und nach wird die Dosis dann bis zur wirksamen Dosis gesteigert. Würde die Therapie mit einer Dosis begonnen, wie sie bei Jüngeren üblich ist, könnte das zu Benommenheit und Gleichgewichtsstörungen führen. Das schrittweise Vorgehen soll die Sturzgefahr unter der Therapie gering halten. Unter einer Therapie mit Opioiden kann es insbesondere bei älteren Patienten zu Verstopfung (Obstipation) kommen, die idealerweise ab Beginn der Therapie vorsorglich mitbehandelt werden sollte.

Nicht-medikamentöse Verfahren: eine wichtige Ergänzung

Der Schmerz kann häufig erst dann ausreichend beherrscht werden, wenn die Schmerzmedikation durch nicht-medikamentöse Therapieverfahren ergänzt wird. Besonders wichtig ist hierbei ein körperliches Training, das in Häufigkeit und Belastung der Leistungsfähigkeit des älteren Menschen angepasst werden muss. Jede Form von körperlicher Aktivität, welche die Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer fördert, ist geeignet. Eine Unterstützung durch Physiotherapeuten oder Sporttherapeuten ist hilfreich. Weiterhin können je nach Situation auch psychologische Verfahren, vor allem in Form von Entspannungsverfahren und Hilfen zur Bewältigung des Schmerzes, zum Einsatz kommen. Es gilt, die Aufmerksamkeit gezielt vom Schmerz abzuziehen und auf positive Erlebnisse zu richten, um so die Lebensqualität zu fördern.

Dennoch ist es gerade in höherem Lebensalter wahrscheinlich, dass die Schmerzen zwar gelindert, nicht aber beseitigt werden können. Es kommt also auch darauf an, mit den Schmerzen zu leben und sich von den häufig damit verbundenen Ängsten und traurigen Verstimmungen nicht beherrschen zu lassen. Im Rahmen einer Akzeptanztherapie kann gelernt werden, sich selbst auch mit weiterhin vorhandenen Schmerzen zu akzeptieren und sein Augenmerk auf die verbleibenden positiven Dinge zu lenken. Hierbei können Übungen zur Förderung der Achtsamkeit helfen, durch welche die Wahrnehmung gezielt auf das breite Spektrum des Erlebens gerichtet und eine Distanzierung vom Schmerz erzielt werden kann.

Wenn die Schmerztherapie den Erfordernissen des höheren Alters angepasst wird, kann sie ähnliche Erfolge vorweisen wie bei jüngeren Personen. Betroffene sollten in Zusammenarbeit mit dem Arzt ein Schmerztagebuch führen, in dem die Behandlung und deren Erfolge dokumentiert werden.

 

Autor: Heinz-Dieter Basler